Alexander von Humboldt in Cumaná „Hier werde ich glücklich sein“

Von Thomas Wagner

Eigentlich war es ja nur ein Zufall, dass Alexander von Humboldt im Juli 1799 ausgerechnet in Venezuela an Land ging. Der 29 Jahre junge Deutsche war im Begriff, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen – eine Forschungsreise durch Südamerika.

Gemeinsam mit seinem französischen Gefährten Aimé Bonpland hatte er sich nach Jahre langen Vorbereitungen auf dem spanischen Segelschiff „Pizarro“ in Richtung Kuba eingeschifft. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes, berichtet der Historiker Rommel Contreras:

„Auf der ‚Pizarro‘ bricht plötzlich eine Krankheit aus, die Humboldt selbst als Gelbfieber bezeichnete. Die Besatzung beschließt, den sicheren und mit solcher Art von Notfällen vertrauten Hafen Cumaná anzusteuern. Auf die Weise traf Humboldt dann in Venezuela ein.“

Am 16. Juli 1799 betreten die beiden Europäer in der nordvenezolanischen Küstenstadt Cumaná zum ersten Mal südamerikanisches Festland. Es ist beiderseitige Liebe auf den ersten Blick. Die Überfülle der Natur, Wälder von Mahagoni und Zedern, handgroße Blüten, Kolibris und Papageien in allen erdenklichen Farben, rauben Humboldt den Atem. Er notiert in sein Tagebuch:

„Wie die Narren laufen wir jetzt umher. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören. Ich fühle, dass ich hier sehr glücklich sein werde.“

Die Einheimischen schließen die beiden Fremden sofort in ihre Arme. Cumaná ist die erste von den Spaniern gegründete Stadt auf dem amerikanischen Festland und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Der Gouverneur und die übrigen Bürger reißen sich geradezu darum, Humboldt bei sich empfangen zu dürfen. Rommel Contreras:

„Die Gesellschaft von Cumaná bewunderte Humboldt. Dieser Gelehrte hantierte mit wissenschaftlichen Geräten, die noch nie jemand gesehen hatte. Dazu kam noch was: Humboldt brachte Neuigkeiten aus Europa mit, kurzum er war damals so was wie CNN heute.“

Tagsüber gehen die Forschungsreisenden ihren Studien nach, abends vergnügen sie sich mit ihren neuen Freunden, Spaniern, Kreolen und Indios. Am liebsten am Fluss Manzanares, der die Stadt bis heute in zwei Hälften teilt. Rommel Contreras:

„Die feine Gesellschaft setzte sich mit Stühlen in den Fluss, dann wurde geplaudert und geraucht. Manchmal kam ein Kaiman angeprustet und alle rannten lachend aus dem Wasser. Cumaná war eine Gesellschaft, in der viel musiziert und getanzt wurde. Als begeisterter Tänzer teilte Humboldt diese Vergnügungen mit seinen Gastgebern“

Cumaná ist heute eine staubige, quirlige Metropole mit mehr als 300.000 Einwohnern. Etwas heruntergekommen, besitzt sie durchaus Charme. Am schönsten ist die Altstadt, die direkt an den Rio Manzanares grenzt. Einstöckige, weiß und ocker gestrichene Häuser aus der Kolonialzeit reihen sich hier dicht an dicht. Kaum eines von ihnen stand allerdings schon zu Humboldts Zeiten. Warum, erklärt Stadtchronist Ramon Badaracco:

„Humboldt traf in Cumaná 14 Monate nach einem vernichtenden Erdbeben ein. Als er in der Stadt weilte, war der Wiederaufbau noch in vollem Gange. Die Erde bebte derweil weiter. Und so erlebte der deutsche Gelehrte während seines Aufenthaltes mindestens zwei Erdstöße“

Das Haus, in dem sich Humboldt und Bonpland einquartieren, dient später als Stundenhotel. Momentan steht es leer. Vermutlich von hier aus blickt Humboldt auf den Fluss Manzanares – und auch auf den Sklavenmarkt von Cumaná. Wie überall in den Kolonien beruht der Reichtum der Spanier auf der Ausbeutung der afrikanischen Sklaven. Ramon Badarraco:
„Humboldt sah, wie man die Sklaven mit Öl eincremte und ihre Zähne prüfte. Dieses Schauspiel erfüllte ihn mit Entsetzen. Er war schließlich ein Mann der Aufklärung.“

Dort, wo vor 200 Jahren die reichen Plantagenbesitzer ihre Arbeitskräfte kauften, befindet sich immer noch ein Markt. Fliegende Händler verkaufen bei 37 Grad im Schatten Obst und Raubkopien der neuesten Hollywood-Filme.

An den berühmten Besucher aus Deutschland erinnert im Stadtbild nur wenig: Eine Plakette auf dem zentralen Platz Bolivar gibt es und eine Straße trägt seinen Namen. Doch ist Cumaná dabei, das Humboldt-Erbe neu zu entdecken. Reiseunternehmer bieten Touren auf den Spuren des Naturforschers an. Einer von ihnen ist der deutschstämmige Wahl-Venezolaner Matthias Götzschel.

„Alexander von Humboldt hat von Cumaná viele Exkursionen ins Landesinnere unternommen. Die wohl berühmteste über die Küstenkordillere gen Süden auf spanischen Handelswegen führte ihn ins Tal von Caripe. Im Tal von Caripe fand er als erster Wissenschaftler Zugang zu der Guacharo-Höhle, die auch heute von uns den Touristen zugänglich gemacht wird. Auf den Pfaden von Humboldt veranstalten wir Tagestouren nach Caripe zur Guacharo-Höhle.“

Humboldt lockte ein Vogel in diese Tropfsteinhöhle – der Guácharo. Der Fettschwalm, wie der Guácharo auf Deutsch heißt, hat sich auf einzigartige Weise dem Leben in der Dunkelheit angepasst: Seine Augen sind so empfindlich, dass er bei Tageslicht erblinden würde. Zur Orientierung setzt er Ultraschallwellen ein, ähnlich wie Fledermäuse, erklärt der Leiter des Nationalparks rund um Caripe, José Buitriago:

Guacharo-Höhle in Venezuela

„Der Guacharo ist nachtaktiv, er bleibt tagsüber in der Höhle und fliegt nachts in die Wälder hinaus, um nach Nahrung zu suchen. Seine Schreie helfen ihm bei der Orientierung. Er nimmt deren Echo über feine Härchen auf, die wie Antennen funktionieren.“

Aus ganz Venezuela kommen Besucher, um die zehn Kilometer tiefe Höhle des Guácharo zu besichtigen. Die umherflatternden Vögel sind im Schein der Laternen nur schemenhaft zu erkennen. Um so gespenstischer, fast furchterregend hören sich ihre Rufe an. Zu Beginn jeder Tour gibt der Führer einen Rat – halb im Ernst, halb im Spaß gemeint: „In der Höhle leben etwa 10.000 Guacharos. Genau wissen wir es nicht. Wir wissen aber mit Sicherheit, dass keiner der Vögel eine Toilette hat. Wenn sie also nach oben schauen, dann schließen sie bitte den Mund. Falls sie einen kalten Tropfen abbekommen, beunruhigen sie sich nicht, das ist Wasser. Warme Tropfen sind auch kein Grund zur Unruhe. Sagen Sie es keinem, und laufen sie einfach weiter.”

El Guacharo

In der Gegend um die Höhle siedelte sich lange vor den Spaniern das indigene Volk der Chaima an. Humboldt studiert nicht nur ihre Sitten. Er heuert auch einige der Indios als Führer an. Für die Chaima ist die Höhle bis heute ein heiliger Ort, erzählt die junge Indigena Zuleyma Caripe.

„“Unsere Vorfahren brachten ihre Toten in die Höhle, um sie dort zu begraben. Laut unseren Legenden verkörperte jeder Guácharo die Seele eines Vestorbenen und der Schrei des Vogels drückte so was wie den Klageruf des Toten aus.”“

Als Humboldt in die Höhle tritt, wollen die Chaima ihn zunächst nicht begleiten. Der tatendurstige Deutsche stellt sie einfach vor vollendete Tatsachen. Zuleyma Caripe:

„“Die Chaima glaubten, dass sie auf der Stelle sterben würden, wenn sie einen Unbefugten in die Höhle führen würden. Humboldt ging deswegen alleine vor, und rief dann den wartenden Indios zu, dass er noch am Leben sei, und dass ihnen nichts passieren werde. Erst als seine indianischen Begleiter sich vergewissert hatten, dass dies den Tatsachen entsprach, kamen sie –allerdings immer noch etwas verängstigt – langsam nach.“

Als Humboldt die Chaima kennenlernt, beherrschen die Indigena noch ihre eigene Sprache. Der Gast aus Deutschland verfasst sogar ein kleines Wörterbuch mit ihren Vokabeln. Die Chaima stehen in der Kolonialzeit unter der Aufsicht der Kapuziner-Mönche, die sie zum Christentum bekehren. Sie vergessen in den folgenden Jahrhunderten einen Großteil ihrer Kultur, so auch ihre Sprache. Angel Vargas, oberster Vertreter der Chaima in Sucre, kämpft dafür, dass sein Volk seine Identität wieder entdeckt. Angel Vargas:

„Unsere Identität als indigene Minderheit beruht auf unserer Sprache. Wir bemühen uns deswegen, dass unsere Kinder wieder Chaima lernen. Da machen wir durchaus Fortschritte: In 26 Schulen in den Bundesstaaten Sucre und Monagas unterrichten wir bereits Chaima.“

Humboldt reist von den Bergen um Caripe wieder zurück ins Flachland, in Richtung Karibisches Meer. In der Gegend um die Ortschaft Cariaco besucht er Kakaoplantagen. Der viel talentierte Forscher interessiert sich brennend für die politische Situation in der Kolonie. Anders als in den übrigen Landesteilen, wo bereits der Unabhängigkeitsgedanke gedeiht, halten die Pflanzer in Cumaná noch mehrheitlich zum Mutterland.

„Herrschende Klasse in der Provinz Cumaná sind die Grundbesitzer mit ihren riesigen Plantagen. Sie sind die Elite in einer stabilen Gesellschaft, die zu der Zeit noch nicht die komplette Unabhängigkeit von Spanien anstrebt.“

„Die Bewohner von Cumaná lernten Humboldt nicht nur als Gelehrten und Wissenschafltler kennen, sondern als einen jungen, sehr sozialen und liebenswerten Mann. Ihre Wertschätzung für Humboldt war so groß, dass sie ihn bis ins vergangene Jahrhundert hinein nicht beim Namen nannten, sondern schlicht und einfach von ihm als dem ‚sabio‘, dem ‚Weisen‘, sprachen.“